Stellen Sie bitte den Glühwein kurz ab und probieren Sie etwas aus. Ja, jetzt. Das wird gut, versprochen! Schreiben Sie drei Namen auf. Menschen aus Ihrem Team, die letzte Woche etwas getan haben, das Ihr Unternehmen nach vorne gebracht hat.
Fertig? Und jetzt kommt der Teil, den niemand mag: Überlegen Sie bitte: Was GENAU haben diese Personen getan? Nicht „gute Arbeit". Das ist Kindergarten. Welche Handlung, welche Entscheidung, welche Extrameile hat Sie begeistert?
Sie schweigen. Keine Sorge. Sie sind in guter Gesellschaft: 41 Prozent aller Mitarbeitenden fühlen sich unsichtbar. Der Grund? Führungskräfte bestellen lieber Geschenkkörbe, als genau hinzusehen.
Der Dezember-Schwindel
Unternehmen im Advent sind wie Tannenbäume: Außen lamettabehängt und hübsch beleuchtet, innen trocken wie Zunder. Glühwein-Events, regionaler Bio-Honig oder der Weihnachtsbonus sind in vielen Fällen leider hohl wie ein Schokonikolaus. Einen Monat später dann passiert etwas, das alle überrascht. Im Januar liegen die Kündigungen am Tisch.
Was ist passiert? Diese Talente haben begriffen, dass ihnen niemand zugehört hat, als es darauf ankam. Sie haben mit Ihren Geschenken und dem Bonus nichts falsch gemacht. Aber Sie sind einer fatalen Verwechslung aufgesessen und haben die Chance auf echte Wertschätzung vertan.
Das Missverständnis mit Glitzerschleife
Wertschätzung ist kein Dezember-Accessoire. Sie muss im grauen Februar stattfinden, im Mai, wenn die Deadlines pfeifen, im schwitzigen Juli und am Dienstag, 09:32 Uhr, kurz bevor jemand das „Ich kann nicht mehr" runterschluckt.
Wertschätzung ist auch keine semantische Nivea-Creme, das „gut gemacht" kann man sich sonst wo hinschmieren. Seien Sie aufmerksam und präzise und sagen Sie Sätze wie: „Dass du gestern die Präsentation dreimal umgebaut hast, weil der Kunde plötzlich seinen USP vergessen hat. Das hat uns den Auftrag gerettet." Und wenn aus dem „sagen" dann noch ein „meinen" wird, dann haben Sie das Wertschätzungs-Seepferdchen bestanden.
Der juristische Elefant in High Heels
Seit 2013 müssen Arbeitgeber psychische Belastungen evaluieren. Steht nicht auf Pinterest, sondern im Gesetz. ArbSchG. Wir wollen es nur gesagt haben. Ihre Rechtsabteilung freut sich bestimmt über etwas Aufmerksamkeit, fragen Sie doch mal nach. Notfalls nehmen Sie die renitente Führungskraft mit, die Paragraphenkeule hilft auch bei besonders uneinsichtigen Exemplaren.
Quiet Quitting ist kein Trend. Es ist die Quittung.
Für Meetings ohne Sinn. Für Chefs ohne Rückgrat. Für Arbeit ohne Anerkennung. 79 Prozent der Befragten einer Studie sagen: Echte Wertschätzung hätte gereicht.
Wir wechseln die Fachrichtung. Willkommen in Bio! Wenn Menschen echte Wertschätzung spüren, passieren im Gehirn Dinge, für die Marketingabteilungen töten würden: Dopamin feuert, Serotonin glättet die Seele und Oxytocin baut emotionale Klebstoffe. Die Uni Bern hat gemessen, was jeder Mensch intuitiv weiß: Mitarbeitende bleiben dort, wo sie gesehen werden. Wirklich gesehen. Wahrgenommen. Mit allen Details.
Wertschätzung ist keine Corporate-Maßnahme. Sie ist das, was übrig bleibt, wenn PowerPoint geschlossen, der KPI-Schutzschild gesenkt und die Führungskraft entscheidet, den Menschen zu sehen, der vor ihr steht. Mit allen Ecken und Kanten und Kurven und Konturen.
Warum der Geschenkkorb nicht rettet, was das ganze Jahr versaut wurde
Hier kommt die unangenehme Wahrheit: Wenn jemand elf Monate lang unsichtbar war, rettet ihn kein Geschenkkorb im Dezember. Der Bio-Honig gleicht nicht aus, dass Sie im März seine Idee im Meeting als Ihre ausgegeben haben. Der Weihnachtsbonus macht nicht vergessen, dass niemand „Danke" gesagt hat, als er im Juli das Projekt gerettet hat.
Wertschätzung ist kein Pflaster, das man im Dezember auf eine klaffende Wunde klebt. Sie ist das, was verhindert, dass die Wunde überhaupt entsteht.
Studien zeigen: Einmalige große Belohnungen verpuffen. Ihr Effekt hält maximal ein paar Tage. Dann ist alles beim Alten. Aber kleine, regelmäßige Gesten – ein ehrliches „Danke" pro Woche – die verändern die Kultur. Sie bauen Vertrauen auf. Sie zeigen: Ich sehe dich. Das ganze Jahr über. Im Februar genauso wie im Dezember.
Das Problem mit den Weihnachtsgeschenken ist nicht, dass sie schlecht sind. Das Problem ist, dass sie als Kompensation für fehlende Wertschätzung eingesetzt werden. Als würde man ein Haus ein Jahr lang nicht heizen und dann im Dezember denken: „Ach, wir machen einfach den Ofen richtig heiß." Zu spät. Die Leute sind längst erfroren.
Faires Gehalt ist Pflicht. Aber es ist nur die Basis. Eine unerwartete, persönliche Anerkennung – die genau benennt, WAS jemand geleistet hat und WARUM das wichtig war – das ist Wertschätzung. Und die muss das ganze Jahr über passieren. Im März. Im Juli. Auch wenn kein Glühwein fließt.
Fünf Wertschätzungs-Selbstbetrugs-Klassiker
Jetzt kommt der Teil, den Sie nicht gerne hören. Fünf Fettnäpfchen, in die Sie vermutlich täglich treten.
Die akustische Tapete
„Super!" „Weiter so!" „Toll gemacht!" Wissen Sie, was Ihr Gegenüber hört? Nichts. Heiße Luft im besten Fall. Der Unterschied zwischen „Super!" und „Dass du gestern die Präsentation dreimal neu aufgesetzt hast, obwohl der Kunde seinen USP vergessen hatte – das war der Grund für den Auftrag" ist der Unterschied zwischen Schein und Sein.
Die Dezember-Showmen
Einmal im Jahr die große Show. Glühwein, Geschenke, warme Worte. Und dann? Funkstille bis Dezember. Gratulation, Sie haben Menschen zu Kakteen erklärt. Was Sie übersehen: Wertschätzung ist keine Veranstaltung. Sie ist Alltag. Regelmäßige kleine Gesten schlagen pompöse Events. Immer. Weil der Effekt der großen Geste nach drei Tagen verpufft. Aber das wöchentliche „Ich hab gesehen, was du getan hast" verändert Kultur.
Einheitsgröße für alle
Manche Menschen blühen auf, wenn sie vor dem ganzen Team gelobt werden. Andere würden sich am liebsten im Boden vergraben. Manche wünschen sich materielle Anerkennung, andere mehr Autonomie oder Entwicklung. Menschen sind keine Billy-Regale. Es gibt sie nicht in Einheitsgröße. Sie müssen schon fragen. „Was bedeutet Wertschätzung für Sie?"
Nur die Leuchttürme sehen
Wer den großen Deal macht, wird gefeiert. Wer verhindert, dass überhaupt ein Problem entsteht? Unsichtbar. Wer die nervigen Aufgaben übernimmt, damit andere glänzen können? Vergessen. Die Menschen, die im Hintergrund dafür sorgen, dass der Laden läuft, sind der Grund, warum er überhaupt läuft. Bis sie weg sind. Dann brennt der Hut.
HR macht das schon
„Die Personalabteilung organisiert bestimmt was Schönes zu Weihnachten." Nein. Wertschätzung ist keine Dienstleistung, die man outsourcen kann wie die Lohnbuchhaltung. Sie kommt von der direkten Führungskraft. Von Kollegen. Aus echten Beziehungen. Menschen kündigen nicht wegen der Firma. Sie kündigen wegen ihres Chefs. Sie bleiben nicht wegen der Benefits. Sie bleiben wegen der Beziehung zu den Menschen, mit denen sie arbeiten.
Was stattdessen funktioniert
Ärmel hoch. Hier kommen konkrete Handreichungen für Ihre Praxis:
Sagen Sie es präzise
„Danke für deinen Einsatz" ist ein Satz für die Tonne. Wissen Sie auch. Sagen Sie trotzdem. Weil's schnell geht. Hier ist, was stattdessen passieren müsste: „Dass du gestern bis 21 Uhr geblieben bist, um die Präsentation zu retten, nachdem der Server abgestürzt war – und dass du dabei die Ruhe bewahrt hast, obwohl alle in Panik waren. Das hat uns den Auftrag gesichert."
Merken Sie den Unterschied? Wissen Sie, WAS die Person getan hat. Verstehen Sie, WIE schwierig das war. Zeigen Sie, dass es WICHTIG war. Das bedeutet: Hinschauen. Wirklich hinschauen. Nicht beim Meeting mit dem Handy spielen und dann „Danke" murmeln. Anstrengend? Ja. Aber billiger als die Kündigungen im Jänner.
Timing ist alles
Wertschätzung hat ein Haltbarkeitsdatum. Nach drei Tagen ist die Verbindung zwischen Leistung und Anerkennung im Gehirn gekappt. Wer eine Woche später gelobt wird, erinnert sich nicht mehr, wofür. Das ist Neurowissenschaft, keine Esoterik.
Was das für Sie bedeutet? Sehen Sie etwas Gutes, sagen Sie es. Sofort.
Fragen statt raten
Hier kommt der Teil, an dem die meisten scheitern: Sie wissen nicht, was Ihre Leute brauchen. Sie glauben es nur. Jetzt müssen Sie Fragen stellen wie: „Was bedeutet Wertschätzung für Sie?" „Wie kann ich zeigen, dass ich Ihre Arbeit schätze?" Sie hören zu. Genau.
Vier konkrete Dinge für Dezember
Sie lesen das im Dezember. Die Jahresendgespräche stehen an, Weihnachtsfeiern werden geplant, Geschenke bestellt. Vier Dinge, die über den üblichen Kram hinausgehen:
Personalisieren Sie radikal
Fragen Sie, was sich jemand wünscht. Ein zusätzlicher freier Tag zwischen den Jahren? Ein Gutschein für ein Hobby, von dem Sie wissen, dass die Person dafür brennt? Eine Weiterbildung, die schon lange auf der Wunschliste steht? Zeigen Sie, dass Sie zugehört haben.
Schreiben Sie per Hand
Mit konkreten Beispielen! Was hat diese Person dieses Jahr geleistet, das Ihnen aufgefallen ist? Menschen bewahren solche Karten auf. Jahrelang. Weil sie spüren: Jemand hat mich gesehen.
Schaffen Sie echte Verbindung
Kaum jemand erinnert sich an die Weihnachtsfeier im Hotel. Aber alle erinnern sich an den Moment, in dem die Chefin sich Zeit genommen hat für ein echtes Gespräch. Von Mensch zu Mensch.
Machen Sie Fehler zu Lernmomenten
Wertschätzung zeigt sich besonders, wenn jemand Mist gebaut hat. Wenn in diesem Moment Bestrafung kommt, war alles nur Show. Eine wertschätzende Kultur fragt: „Was lernen wir daraus?" Sie trennt Person und Problem. Sie gibt Raum zum Wachsen.
Die unbequeme Wahrheit
Wertschätzung kostet Zeit. Die Alternative kostet mehr: Menschen, die gehen. Motivation, die verpufft. Produktivität, die nie zurückkommt. Fluktuation, Krankenstände, eine Arbeitgebermarke, über die Reddit sich lustig macht.
Die gute Nachricht? Sie können Wertschätzung lernen. Fangen Sie mit einem ehrlichen „Danke" an. Mit zwei Minuten Zeit. Mit einem Moment der ungeteilten Aufmerksamkeit.
Und jetzt? Gehen Sie los. Sagen Sie jemandem, was genau an seiner Arbeit wichtig war. In den nächsten fünf Minuten. Morgen früh ist zu spät. Nach den Feiertagen erst recht. Während Sie das hier lesen, macht jemand in Ihrem Team gerade etwas Gutes. Und wartet darauf, dass Sie es bemerken.
Der Glühwein wird schon nicht kalt.
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Quellenverzeichnis
- Universität Bern, Arbeits- und Organisationspsychologie: Forschung Wertschätzung am Arbeitsplatz (Semmer, Jacobshagen et al.)
- Ludwig-Maximilians-Universität München: Evidenzbasierte Wirtschaftspsychologie (Sagstetter, 2019)
- Randstad Employer Brand Research 2025: Wertschätzung am Arbeitsplatz
- Hogrefe Verlag: Wertschätzung bei der Arbeit
- Ohly & Schmitt (2013), Pfister et al. (2020): Studien zu Wertschätzung und Wohlbefinden
- Wikoff, Anderson & Crowell (1983): Produktivitätsstudie
- Arbeitnehmerschutzgesetz Österreich (ASchG), Novelle 2013
- Arbeitsschutzgesetz Deutschland (§ 5 ArbSchG)
- ÖGB: Psychische Belastungen am Arbeitsplatz
- Neuroscience Research: Dopamin-Oxytocin-Interaktion
- Bruno S. Frey: Motivation Crowding Theory (1997, 2001)
- Deci, Koestner & Ryan (1999): Meta-Analyse extrinsische Belohnungen
- Gneezy & Rustichini (2000): Kita-Studie Geldstrafen
- Xing: Wertschätzung am Arbeitsplatz Deutschland
- Factorial HR: Quiet Quitting Studie 2025
- Babbel for Business: Ursachen Quiet Quitting
- Gallup & Workhuman (2024): Employee Recognition Survey
- Lyubomirsky & King (2005): Regelmäßige vs. einmalige Wertschätzung